Stimmts - oder - Stimmts net?

Stimmts - oder - Stimmts net?

Stimme und Bauch

StimmtrainingPosted by Anna Lichtenstein Tue, October 13, 2015 10:46:03
Stimme und Bauch – Wie gehört das zusammen?


In meiner Unterrichtspraxis stelle ich immer wieder fest, dass viele Menschen ungern ihren Bauch beobachten lassen oder gar beim Einatmen „raus strecken“ wollen. Aber woher kommt das? Warum ist unser Bauch so eine empfindliche Region an unserem Körper und warum ist er überhaupt relevant für die Stimme?

Evolutionsbiologisch haben wir uns sehr lange auf vier Beinen bewegt, bevor wir uns zum aufrechten Gang erhoben haben. Unser Bauch, mit all seinen lebenswichtigen Organen, war von unserem Rücken in einer vierbeinigen Position gut geschützt vor Angriffen. Auch Tiere geben diesen Schutz nicht gern auf. Sie kennen das vielleicht von Ihrer Katze - sie lässt sich nicht von jedem den Bauch streicheln. Dazu muss das Tier erst genug Vertrauen aufgebaut haben. Mit dem aufrechten Gang ging dieser Schutz für den Menschen verloren. Das Bedürfnis unseren Bauch zu verstecken ist geblieben. Beobachten Sie einmal einen Menschen, der sich erschreckt. Er krümmt sich leicht nach vorn, zieht die Schultern hoch und presst die Arme an den Körper. Keiner würde in diesem Moment seinen verletzbaren Bauch präsentieren.

Auch der altbekannte Spruch: „Bauch rein, Brust raus!“ hält sich leider immer noch vehement. In dieser Position soll man angeblich besonders standhaft und präsent sein. Stellen sie sich vor, sie würden so in einen Ringkampf steigen. Jedes Kind würde Sie k.o. schlagen, denn es fehlt Ihnen in dieser Position die nötige Stabilität und Flexibilität, auf Ihr Gegenüber zu reagieren.

So ähnlich verhält es sich beim Sprechen. Die meisten Klienten, die zu mir kommen, wissen meistens schon, dass eine Hochatmung nicht von Vorteil für die Stimmgebung ist. Sie sind aber überrascht, wenn ich Ihnen sage, dass diese falsche Atmung von ihrer angespannten Bauchdecke herrührt. Ist diese Muskulatur nämlich angespannt, sind auch unsere Bauchorgane eingeengt und die Atmung kann nicht tief genug greifen. Unsere Stimme kann sich also nicht voll entfalten, weil wir ihr ihren vollen Klangraum vorenthalten. Eine zu flache Atmung bzw. eine zu starke Brust- oder Schulteratmung sorgt dafür, dass unser Kehlkopf nach oben rutscht. Dadurch klingt die Stimme eng, gepresst und klein - dabei ist sie es gar nicht. Unsere Stimme ist wie eine kleine Stimmgabel. Allein klingt sie so leise, dass sie fast nicht zu hören ist. Aber stellt man sie auf Holz, auf einen Resonanzkörper, hört man plötzlich einen Ton. UNSER Resonator ist unser Körper und zwar nicht nur der Mundraum, der Kopf oder vielleicht noch die Brust. Nein! Unser ganzer Körper arbeitet bei der Stimmgebung mit. Und gerade die Körpermitte, die für unsere Balance und Stabilität zuständig ist, stellt einen entscheidenden Dreh- und Angelpunkt beim Sprechen dar. Deswegen plädiere ich immer auch für eine Kräftigung der Bauch- und Rückenmuskulatur parallel zum Stimmtraining.

Ein weiterer Effekt einer gesunden Bauchatmung ist die Entspannung der Schulter- und Nackenmuskulatur. Menschen, die viel am Schreibtisch sitzen, atmen oft zu flach in die Brust und verharren oft Stunden in einer sehr angespannten Position, mit einem festen Bauch. Bewusst in den Bauch zu atmen und die Bauchdecke loszulassen wird Verspannungen in ihrem Rücken lösen bzw. im besten Falle vorbeugen. Die gute Nachricht ist also: Ein stimmförderliches Körperbewusstsein und das Loslassen der Bauchmuskulatur kann man durch Übung und Selbstbeobachtung durchaus lernen.

Leider ist das „mit dem Loslassen“ nicht so einfach. Gerade Frauen fühlen sich beim Thema Bauch unter Druck gesetzt. Das gängige Schönheitsideal setzt auf einen flachen, eingezogenen Bauch. Seinen Bauch zu entspannen und somit zu zeigen, erfordert ein bisschen Mut. Aber wenn wir erkennen, wie viel mehr wir aus unserer Stimme und damit unserer Wirkung machen können, lohnt es sich, „loszulassen“ und ein bisschen mehr „Bauch zu zeigen“.







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