Stimmts - oder - Stimmts net?

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Identifikation und Dialekt

Arbeit mit StudentenPosted by Anna Lichtenstein Thu, November 10, 2016 12:17:38

Identifikation und Dialekt

Vor ein paar Wochen habe ich wieder einen neuen Jahrgang in Zwickau übernommen, dem ich die Stimmbildung näherbringen darf. In der Stadt mit knapp 100.000 Einwohnern wird ein sehr außergewöhnlicher Studiengang angeboten, der Studenten aus ganz Deutschland anzieht. Erst seit reichlich zehn Jahren werden dort Gebärdensprachdolmetscher ausgebildet. Für mich birgt dieser Berufszweig ein vollkommen neues Klientel. Ich muss zugeben, dass ich mich vorher nicht mit Gehörlosen beschäftigt habe, geschweige denn mit Gebärdensprache.

In den ersten Stunden des Unterrichts bekommen die Studenten meist von mir ein Expertenfeedback, sodass sie ihren Ist-Zustand einschätzen können. Für die meisten ist das nicht selten der erste Moment, in dem sie sich überhaupt mit ihrer Stimme und ihrem Sprechen auseinandersetzen. Aufgrund der Seltenheit des Studienganges bilden die Studenten einen bunten Strauß aus allen Regionen Deutschlands inklusive deren Dialekten.

Die Frage nach dem Dialekt wurde mir schon das ein oder andere Mal in meinem Berufsleben gestellt, aber in Zwickau drängte Sie sich immer wieder in unsere Auswertung. Ist denn ein Dialekt negativ zu werten? Und wenn ja, muss ich ihn mir abgewöhnen? Bin ich dann überhaupt noch ich?

Zunächst einmal - ein Dialekt ist überhaupt nicht negativ. Er ist einfach nur wahrnehmbar. Unsere heutige Standardsprache war früher auch ein Dialekt, der irgendwann einfach als Standard festgelegt wurde und sich offiziell durchgesetzt hat.

Fakt ist jedoch, dass ein Dialekt immer eine Wirkung bei unserem Gegenüber erzeugt, je nachdem welche Erfahrung mit diesem Dialekt gemacht wurde und wie unsere Gesellschaft diesen Dialekt anerkennt und bewertet. Im Allgemeinen wirkt beispielsweise der sächsische Dialekt etwas ungebildet und der bayrische oft niedlich und zünftig. Manchmal kann ein Dialekt auch so stark sein, dass der Inhalt nicht mehr zu verstehen ist.

Letztendlich sage ich immer zu meinen Studenten, dass ich es ihnen vollkommen freistelle, ob sie das Standarddeutsch lernen wollen oder nicht. Ich benutze hier ganz bewusst das Verb lernen und spreche nicht davon, sich den Dialekt abzugewöhnen, denn dieser kann in der Heimat durchaus wichtig sein. Er verstärkt das Gemeinschaftsgefühl und weckt Vertrauen bei Denjenigen, die ihn teilen. Ziel ist es also nicht, den Dialekt abzugewöhnen, sondern in bestimmten Situationen auf eine Hochlautung „umschalten“ zu können. Es ist schließlich so, dass eine korrekte Standardaussprache unsere positive Wirkung beim Gegenüber verstärkt. Wir wirken kompetenter, souveräner und sind beruflich vielfältiger einsetzbar.

Nun zu der letzten Frage. Bin ich dann noch ich, wenn ich plötzlich Standard spreche?

Da ich selbst ein starker Dialektsprecher war, kann ich dieses Dilemma gut nachvollziehen. In der ersten Phase des Umlernens fühlt man sich wie ein Fremder. Man hat sich jahrelang mit seinem Sprechen identifiziert und jetzt soll man plötzlich sprechen, wie die „feinen Leute“. Noch schlimmer, als die eigene Irritation, kann die der anderen sein. Plötzlich fragen uns unsere langjährigen Bekannten und Freunde, warum wir auf einmal so vornehm und bedacht sprechen und was denn bei uns nicht mehr stimme. Das kann dazu führen, dass wir uns nicht mehr authentisch fühlen und uns sagen „Das bin nicht ich, das fühlt sich künstlich und ungewohnt an“. Aber was bedeutet denn das „ich sein“, das „gewohnt sein“? Wir sind das, was wir jeden Tag gewohnt sind zu tun. Wir sind eine Kette von Angewohnheiten und da wir sie jeden Tag tun, sind sie uns vertraut. Wir identifizieren uns damit. Ist es dann nicht so, dass man einfach ein neues Verhalten in seinen Alltag integrieren und es zur Gewohnheit machen kann? Wir haben viel mehr Fähigkeiten als wir glauben. Neues in den Alltag zu integrieren bedeutet lediglich etwas Stress, denn unser Organismus ist von Natur aus sparsam. Neue Prozesse kosten erst einmal Energie und sind unbequem. Sie sind uns aber nur so lange unbequem, bis wir sie in unseren Alltag integriert und uns zu Eigen gemacht haben.

Wenn wir uns erfolgreiche Menschen anschauen, dann können wir beobachten, dass diese ein Stück weit unnormal – im Sinne von besonders – sind. Sie haben die Fähigkeit, schnell auf neue Situationen zu reagieren und die nötigen Prozesse in Gang zu setzen, die es braucht, um weiter zu wachsen. Vera Birkenbihl sagte sehr treffend: „Wir sind mit einem Potenzial auf die Welt gekommen, dann gingen wir durch einen Prozess, der sich da nennt Erziehung und dann hat man uns normal gemacht.“.

Einerseits wollen wir normal sein, wir wollen dazu gehören, Teil einer Gruppe sein. Denn unnormal heißt auch anders und fremd zu sein und das macht uns Angst. Aber um erfolgreich – und ich würde sogar so weit gehen, zu sagen: um glücklich zu sein, sollten wir den Mut haben, anders zu sein und Dinge anders zu tun, als es die Meisten tun. Auch wenn das bedeutet, dass unser Umfeld uns plötzlich als unnormal empfindet und uns darauf stößt, dass wir gar nicht mehr wir sind. Im besten Fall können wir dann sagen: „Ja stimmt, ich habe mich verbessert und entwickelt“. Denn, was bedeutet eigentlich Entwicklung? Wir haben uns ent-wickelt – nämlich uns von unseren Fesseln, Verstrickungen und Grenzen befreit.

Warum ist dann eine Veränderung – egal welcher Art und auch wenn sie für uns positiv ist – so unbequem für uns und andere? – weil wir plötzlich mit Neuem konfrontiert sind und noch keine Strategie gefunden haben damit umzugehen. Und das stresst uns. Veränderungen sind aber notwendig um zu wachsen. Denn ohne etwas zu verändern bleiben wir immer nur der, der wir schon sind. Das widerstrebt unserer Natur. Schließlich will alles in unserer Umwelt wachsen. Pflanzen werden größer, stärker, robuster. Familien wachsen. Und auch wenn wir körperlich ausgewachsen sind heißt das nicht, dass wir nicht mental wachsen können.

Oft gratulieren uns die Menschen zum Geburtstag mit den Worten „Bleib so wie du bist“. Aber ist das wirklich gut? Heißt das dann nicht, dass wir stehen bleiben und nächstes Jahr genauso weit gekommen sind wie die Jahre davor, nämlich nicht voran? Wenn ich solche Wünsche bekomme, dann füge ich leise für mich hinzu: „Ich hoffe nicht.“ Ich hoffe nämlich, ich weiß nächstes Jahr mehr und habe mich weiter ent-wickelt.

Ein gewisses Maß an Anstrengung ist immer notwendig um zu wachsen und stärker zu werden. Auch ein Küken kann nicht ohne Kraftanstrengung aus seinem Ei schlüpfen und in die nächste Phase seines Lebens übergehen. Genauso brauchen wir manchmal ein Stück Überwindung, Kraft und Ausdauer, bevor wir wachsen können.

Also überlegen Sie sich das nächste Mal ganz ehrlich, wenn in Ihnen die Frage auftaucht „Bin das wirklich ich?“ dass dieses andere, fremde, neue Ich, was Sie mit ein wenig Mühe sein könnten, besser ist als Ihr altes Ich. Und vielleicht lohnt sich der Stress, das neue Ich in Ihr Leben zu integrieren.



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