Stimmts - oder - Stimmts net?

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Kritik und Feedback

Arbeit mit StudentenPosted by Anna Lichtenstein Wed, April 27, 2016 11:02:06

Umgang mit Feedback und Kritik

Ein kleiner Igel hat sich auf einer Kuhweide verirrt. Er ist den ganzen Tag auf der Suche nach Nahrung gewesen und findet jetzt nicht mehr zu seinem warmen Bau zurück. Nach einem schier endlosen hin und her Wandern bleibt er schließlich erschöpft reglos liegen. Als er schon dachte, jetzt kann es nicht mehr schlimmer werden, kommt eine Kuh und entleert sich direkt über dem Igel, sodass er gänzlich von einem Kuhfladen bedeckt wird. Vollkommen entkräftet schläft der Igel ein. Was er nicht weiß: In der Nacht gibt es einen Wintereinbruch und die Temperaturen fallen in die Minusgrade. Normalerweise würde der Igel erfrieren, aber eingehüllt in den Kuhhaufen übersteht er die Nacht geschützt. Am nächsten Morgen hat er genug neue Kräfte gesammelt, um sich weiter auf die Suche nach seinem Bau zu machen.

Diese vielleicht etwas naive Geschichte hörte ich einmal auf einem Seminar zum Thema Umgang mit Kritik. Sie soll uns auf eine bildliche Weise verdeutlichen, dass es nicht jeder schlecht mit uns meint, der uns mit Scheiße bewirft. Im Gegenteil: Oft ist Kritik nur ein verschlüsseltes Lob, denn der Kritisierende will etwas in bzw. an uns verändern. Er macht sich den Aufwand, uns eine Reflexion seines Eindruckes zu vermitteln. Vielleicht kennen Sie auch den Ausdruck – einen toten Hund tritt man nicht. Man kritisiert nur Menschen, bei denen man Hoffnungen hat, dass sie etwas an sich verändern können. Natürlich ist nicht immer jede Kritik gerechtfertigt und in jedem Falle höchst subjektiv, denn kein Mensch kann beanspruchen, die Welt objektiv wahrzunehmen.

Aber Kritik kann auch sehr wertvoll sein. Sie kann uns wachsen lassen und im "schlechtesten" Falle dazu veranlassen, einen neuen Weg einzuschlagen. Ich stelle bei meinen Studenten fest, dass sie manchmal große Angst vor meiner Stimmanalyse haben. Immerhin könnte ich Ihnen sagen, dass sie für ihren Beruf ungeeignet sind. Aber ist das nicht auch ein großes Glück? Ist es nicht besser zu wissen, woran man ist, als am Ende des Studiums festzustellen, dass man fünf Jahre lang einen Weg eingeschlagen hat, für den man nicht geeignet ist? Natürlich ist dies das Horrorszenario eines jeden Lehramtsstudenten und meistens tritt es gar nicht ein. Jedoch spüre ich, dass viele Studenten mit Angst im Studium leben, Angst nicht alles richtig zu machen, Angst Fehler zu machen, Angst vor Feedback und Kritik.

Vor einer Woche war ich als Co-Trainerin auf einem Führungskräfteseminar zum Thema Stimme. Der Umgang mit Kritik - oder nennen wir es besser Feedback - hat mich unglaublich fasziniert. Ich zweifelte, ob ich als junge Berufseinsteigerin einem Firmenchef mit 30 Jahren Berufserfahrung sinnvoll kritisieren kann. Doch erstaunlicherweise bekam ich für jede Rückmeldung, die ich dem Teilnehmer gab, große Dankeshymnen. Ich spürte einen regelrechten Hunger nach Feedback. Ein Teilnehmer sagte mir dann: "Wenn man ganz oben in der Führungsebene arbeitet, dann hat man niemanden mehr, der sich traut ehrliches Feedback zu geben. Aber wir machen auch nicht immer alles richtig und deswegen bin ich für jedes ehrliche Feedback unsagbar dankbar."

Fakt ist, dass wir durch Fehler das Meiste lernen. Wenn wir immer alles richtig machen würden, dann verlören wir unsere Aufmerksamkeit, würden nachlässig werden. Auch unsere kreative Schöpferkraft würde nachlassen, wenn alles tadellos liefe. Denn Not macht ja schließlich erfinderisch.

Trotzdem ist es für viele unangenehm, kritisiert zu werden. Wie können wir also besser mit Kritik umgehen?

Meiner Meinung nach ist es sehr wichtig zu hinterfragen, von wem man kritisiert wird. Oft trifft uns die Kritik von Menschen, die uns sehr nahe stehen, oder von denen wir viel halten, am härtesten. Manchmal ist es aber auch möglich, dass die Kritik gar nicht einem selbst gilt, sondern dass es ein verstecktes Bedürfnis des Gegenübers ist. Das betrifft meistens Auseinandersetzungen in der Familie oder der Partnerschaft. Dabei sollte man sich immer fragen – Habe ich jetzt wirklich etwas falsch gemacht oder spricht da eine persönliche Befindlichkeit meines Kritikers? In welcher Stimmung wird die Kritik geäußert. Ist mein Kritiker vielleicht gerade nur gestresst, emotional oder beleidigt?

Schauen Sie, wie sachlich die Kritik ist. Und nehmen Sie sie auch genauso. Es geht um die Sache, eine Eigenschaft oder Handlung – nicht um Sie als Person. Es geht darum etwas ins Positive zu verwandeln und Sie nicht als Person zu verdammen.

Bedenken Sie auch stets, dass Kritik immer subjektiv ist. Wenn Sie der Meinung sind, dass Ihr Gegenüber eine sehr spezielle Wahrnehmung hat, dann holen Sie ruhig eine weitere Meinung ein.

Wichtig erscheint mir auch für sehr impulsive Menschen, nicht sofort auf das Feedback zu reagieren. Es kann helfen, nicht direkt in die Konfrontation zu gehen, sondern "etwas Gras über die Sache wachsen zu lassen". Je nachdem, wie es die Situation hergibt. Nach ein paar Tagen kann das Ganze vermutlich gelassener gesehen und vielleicht auch das Gute an der Rückmeldung erkannt werden.

Im worst case hilft oft die Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, bzw. sich vorzustellen, wie man in fünf Jahren über die Kritik denkt. In meinem Falle zum Beispiel, wenn ich dem Studenten sagen muss, dass er stimmlich ungeeignet für den Lehrerberuf ist und damit den Studenten in eine tiefe Krise stürze. Es gibt nun für ihn verschiedene Handlungsmöglichkeiten. Er kann meine Kritik ignorieren, verdrängen und einfach weiter studieren. Meistens kommt dann aber der große Knall im Berufseinstieg. Oder er versucht mit viel Arbeit seine Stimme von einem guten Logopäden oder Stimmtrainer aufbauen zu lassen oder, die dritte Möglichkeit, er entschließt sich noch einmal von vorn zu beginnen und einen anderen Berufsweg einzuschlagen. Die Entscheidung liegt in seiner Hand. Fakt ist, dass er, wenn er die Kritik ignoriert, sich immer wieder daran stoßen wird, für diese Sache kritisiert wird und die Problematik vergrößert.

Ich selbst habe für mich festgestellt, dass jede Bauchlandung, die ich mir geleistet hab, immer für irgendetwas gut war und mich letztendlich voran gebracht hat, solange ich mich der Herausforderung gestellt und mich nicht der Situation ergeben habe.

Versuchen Sie doch einmal, in jedes Training hineinzugehen mit dem bewussten Vorsatz: Ich werde Fehler machen und das ist gut so. Ich will ja noch besser werden und nicht stehen bleiben. Das kann ungemein entspannen.



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