Stimmts - oder - Stimmts net?

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bewusstes Lernen

AllgemeinesPosted by Anna Lichtenstein Mon, February 01, 2016 11:34:14

Hallo, jemand zu Hause?

Der Februar ist der Monat des Wintersports. Viele Menschen nutzen die Winterferien, um ihrem Alltag zu entfliehen.

Mir scheint es manchmal, dass wir nur im Urlaub wirklich entspannen und loslassen können – nur noch zwei Wochen, dann fahren wir in den Urlaub! Als würde man die Zeit bis dahin gar nicht wirklich leben und genießen können, als würde man erst im Urlaub „richtig leben“. Und wenn wir wieder zurück sind, dann fallen wir in ein Loch und trösten uns mit dem Gedanken, dass der nächste Urlaub bald kommt – im besten Falle.

Warum fällt es uns so schwer, auch unseren Alltag zu genießen? Warum können wir nur im Urlaub wirklich abspannen.

Manche Menschen wirken in ihrem Alltag wie Maschinen, die nur funktionieren, die nur aushalten bis zum nächsten Urlaub. Dieses „Funktionieren“ ist so selbstverständlich geworden, dass es den Meisten gar nicht mehr auffällt. Im Gegenteil: Viele belächeln die Menschen, die bewusster leben wollen, meditieren oder einen Achtsamkeitskurs besuchen. Manche interpretieren das als Eingestehen von Schwäche und Überforderung, von Nicht -genug-Leistung-geben-können. Andere rasen von einem Termin zum nächsten und arbeiten fleißig einen Programmpunkt nach dem anderen auf der langen „To-do-Liste“ ab. Am Abend liegen sie dann jedoch im Bett und stellen fest, dass sie fix und fertig sind, der Tag an ihnen vorbei gezogen ist und sie sich trotzdem irgendwie leer fühlen.

Auch bei meinen Studenten muss ich leider oft diese Beobachtung machen. Sie sind zwar unheimlich emsig und bemüht alles „richtig“ zu machen, aber sie sind nicht wirklich da. Natürlich sind sie physisch anwesend, aber in ihren Köpfen sind sie beim letzten Referat oder bei der morgigen Prüfung. Da ich selbst das vollgestopfte Studienprogramm hinter mir habe, kann ich mit meinen Studenten mitfühlen. Auch ich selbst konnte erst nach dem Studium begreifen, dass der Sinn des Lebens nicht das Abarbeiten von Prüfungen ist. Natürlich kann ich nach außen hin sagen, dass ich meinen Abschluss in der Tasche habe. Aber ich wünschte, ich hätte mein Studium bewusster gelebt. Ich wünschte, ich hätte eher verstanden, dass Abschlüsse nicht alles bedeuten. Dass sie nichts darüber verraten, wie gut, qualifiziert oder glücklich und erfüllt wir wirklich sind. Letztendlich ist meine Erkenntnis, dass nur die Lebenserfahrungen, die wir machen, wirklich zählen und diese sind weder richtig noch falsch und lassen sich in keinen Bewertungsmaßstab einsortieren.

Jetzt denken Sie vielleicht, dass das zwar ganz schön und gut ist, was ich hier schreibe, aber was soll das mit Stimmtraining zu tun haben? Ich sehe in meinem Unterricht oft den Willen meiner Kunden und Studenten alles „richtig“ machen zu wollen und möglichst schnell Ergebnisse vorweisen zu können. Sie kommen aus ihrem Alltag und sehen die Stimmbildung als nächsten Programmpunkt auf der Tagesliste. Sie kommen zwar physisch in den Raum, sind aber eigentlich noch beim vorherigen Ort oder Erlebnis des Tages. Den Kopf voll mit anderen Dingen, wollen sie jetzt etwas Neues lernen. Das funktioniert jedoch nicht. Solange wir es nicht schaffen, wirklich im Moment anzukommen – und zwar nicht nur körperlich, sondern vor allem mit unserem Geist, unseren Sinnen und Emotionen – solange sind wir nicht wirklich anwesend. Wir haben zwar unseren Kopf befriedigt, in dem wir sagen „Schau mal, ich war heute fleißig, ich bin zur Sprecherziehung gegangen und habe etwas für meine Stimme bzw. Kompetenz getan.“ Fakt ist jedoch, dass wir viel weniger Lernen, wenn wir nicht mit all unseren Sinnen dabei sind. Was jedoch noch viel schlimmer ist, ist die Tatsache, dass wir durch das unbewusste Abarbeiten unsere Seele – so pathetisch das jetzt auch klingen mag – nicht mitnehmen. Dadurch fühlen wir uns am Ende des Tages emotional leer und müde. Und diese „leeren Tage“ zählen wir ab bis zum nächsten Urlaub, bis wir wieder bewusst leben können. Denn dort passiert uns das nicht. Da können wir sechs Stunden Abfahrtsski betreiben und an nichts anderes denken. Wir sind am Abend zwar körperlich erschöpft, aber glücklich und beseelt.

Jetzt sagen Sie vielleicht - na klar, da machen ich ja auch nur Sachen, die mir Spaß machen, aber das Leben besteht nicht nur aus Spaß. Und da gebe ich Ihnen vollkommen recht. Manchmal muss man im Leben auch Dinge tun, die unbequem sind, wo man aber trotzdem weiß, dass sie einfach wichtig sind. Versuchen Sie es doch einmal mit dem kleinen Wort „dürfen“ anstatt „müssen“. Ich darf arbeiten gehen. Ich muss nicht arbeitslos sein. Ich darf die Wohnung putzen, denn ich bin dankbar dafür, dass ich eine schöne Wohnung habe. Und letztendlich: Ich darf mir Zeit nehmen für mich, um mich weiterzuentwickeln.

Beobachten Sie auch ihre Gedanken. Wie oft denken Sie an Dinge, die vergangen sind oder die noch kommen. Immer wenn Sie so denken, dann sind Sie nicht bewusst im Moment anwesend, dann sind Sie weg. Es mag am Anfang furchtbar anstrengend sein, immer zu schauen, woran man eigentlich gerade denkt, aber glaube Sie mir, man kann das trainieren und Sie werden staunen, wie lang plötzlich ein ganzer Tag dauern kann.

Hören wir auf nur zu funktionieren! Versuchen wir mehr und bewusster zu leben, anstatt nur zu überleben!



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